Wie lautet das Erfolgsrezept langjähriger, führungserfahrener Frauen? Erfolgreiche weibliche Führungskräfte kombinieren grundlegende Prinzipien der Führung und ergänzen diese sinnvoll mit Attributen ihrer ureigenen Kommunikations- und Führungsfertigkeiten. Dies setzen sie geschickt im Berufsleben ein, z.B. beim Aufspüren und Anpacken neuer Möglichkeiten, im Aufbau und Aufrechterhalten des Teamgeists, beim Repräsentieren des Unternehmens nach innen und außen oder in der Konfliktbewältigung.

Wie lautet das Erfolgsrezept langjähriger, führungserfahrener Frauen?

herCAREER: Was zeichnet Ihrer Meinung nach eine erfolgreiche Führungsperson aus?

Bastien: Die Management- und Führungsliteratur ist voll mit Aufzählungen von Persönlichkeitsmerkmalen, über die eine erfolgreiche Führungskraft verfügen sollte. Meines Erachtens bleibt aber zu häufig das Wesentliche außen vor. Nämlich die Tatsache, dass Führung an allererster Stelle Arbeit mit Menschen ist. Und das bringt mich auch gleich zu dem ersten Punkt, was eine erfolgreiche Führungskraft ausmacht: Habe ich ein Interesse an Menschen und was sie ausmacht? Wir verbringen tagtäglich mehr aktive Lebenszeit mit unseren Kolleg/innen als mit unserer Familie. Wenn ich kein Interesse habe, mich mit anderen Menschen und deren Themen auseinanderzusetzen, wird die Führungsaufgabe bald zur Qual.

Ein zweiter wesentlicher Punkt ist für mich Klarheit. Mitarbeiter/innen wollen und brauchen Orientierung. Sie wollen wissen, wo sie bzw. das Team in Bezug auf die zu erledigende Aufgabe steht. Dafür braucht es die Klarheit der Führungskraft, vor allem in turbulenten Zeiten. Klarheit heißt, auch das Unangenehme anzusprechen. Wenn man bei sich selbst merkt, dass man das Thema am liebsten umschiffen würde, ist man genau richtig beraten, für Klarheit zu sorgen.

Ein dritter wesentlicher Aspekt einer erfolgreichen Führungskraft ist für mich das, was ich ein Beziehungsgenie nenne. Grundvoraussetzung dafür ist das bereits erwähnte generelle Interesse an Menschen. Das reicht jedoch nicht aus, wenn ich nicht in der Lage bin, durch Blickkontakt und wie ich mich im Raum bewege einen Kontakt zu den Mitarbeiter/innen herzustellen. Kontakt kommt nun mal vor Kooperation – und selbst erfahrene Führungskräfte vergessen dies oder sind sich dessen nicht bewusst. Wenn ich keinen Kontakt herstellen kann, treten mehr Konflikte auf. Apropos Konflikte: Für mich sind das wertvolle Hinweise, die Mitarbeiter/innen geben. Also, keine Angst vor Konflikten. In unserem Meetup auf der herCareer werde ich genau zu diesen Punkten eingehen und beschränke mich deshalb auf die wenigen genannten Punkte.

herCAREER: Wie können Frauen Ihren eigenen Führungsstil entwickeln?

Bastien: Gerade in Unternehmen, die auf sehr standardisierte Weiterbildungsprozesse zurückgreifen, werden junge Führungskräfte oder -aspirantinnen sehr gut auf ihre neue Rolle vorbereitet. Jedoch vermitteln solche Maßnahmen immer auch den Aspekt von „Wenn ich x und y gelernt habe, kann ich führen.“ Das hat aber mit der Realität oft nichts gemeinsam. Gerade Aspekte wie ein gesunder Selbstbezug (ich meine damit beispielsweise den eigenen Emotionshaushalt kennen ), Gespür für das Gegenüber, Mut, Klarheit, Selbstpräsentation, das eigene Menschenbild etc. sind nur bedingt Aspekte, die ich in einem Seminar lernen kann. Wichtig für den eigenen Führungsstil ist es deshalb, sich selbst so gut wie möglich kennenzulernen. Coachings und Mentorings helfen. Nicht zu unterschätzen sind jedoch auch vor allem Achtsamkeitspraktiken wie Yoga und Meditation. Sie helfen, zu fokussieren, sich zu konzentrieren und die Gedanken auf das Wesentliche auszurichten. Wer als Führungskraft schon einmal durch turbulente Zeiten gegangen ist (und das tun wir Führungskräfte alle früher oder später), weiß, wie hilfreich Klarheit ist.

Führen hängt meines Erachtens auch sehr stark damit zusammen, ob man sich selbst in seiner Persönlichkeit weiterentwickeln möchte. Mehr und mehr Unternehmen wünschen sich Mitarbeiter/innen, die aktiv gestalten, mitdenken, in Frage stellen. Zwangsläufig ist von diesem „in Frage stellen“ auch die Führungskraft und ihre Entscheidung/en betroffen. Das muss man aushalten können oder aber für sich als Ressource begreifen, wachsen zu können. Das hat vielmehr mit Stärke als mit Schwäche zu tun.

Der eigene Stil entwickelt sich aus dem heraus fast von selbst. Denn wenn man nah am Menschen ist, arbeitet man mit ihm der Situation entsprechend.

Aus meiner langen Führungs- und Mentoring/Coachingpraxis habe ich einen 20-Punkte-Plan entwickelt, der für mich die Quintessenz von Führung ausmacht. Darauf werde ich bei unserem Meetup eingehen.

herCAREER: Was ist Ihr persönlicher Tipp für Frauen, die eine Führungsperson anstreben – können bzw. sollten sie sich bereits vorher darauf vorbereiten?

Bastien: Wenn mir eine Frau erzählt, sie möchte eine Führungsaufgabe übernehmen, stelle ich ihr immer als erstes die Frage nach dem „Warum“. Warum eine Führungsaufgabe? Es ist wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, was die eigene Motivation hinter diesem Wunsch „Führungsaufgabe“ ist. Manchmal passen Wunsch und Motivation nicht zusammen und es gibt eine passendere Aufgabe als eine Führungsrolle zu übernehmen. Sich mit dieser Frage nach dem Warum ganz ehrlich und offen sich selbst gegenüber auseinanderzusetzen, ist für mich der erste Schritt, sich auf eine Führungsaufgabe vorzubereiten. Denn wenn ich kraftlose Motive habe, werden die ersten Konflikte nicht lange auf sich warten lassen.

Gute Führung hängt meines Erachtens auch sehr stark davon ab, ob ich eine gute Verbindung zu mir selbst habe. Denn Führung heißt auch, Mitarbeiter/innen Orientierung zu geben. Und wenn ich z.B. weiß, dass mich unsichere Situationen völlig stressen und ich mich am liebsten zurückziehe, dann kann ich meinen Mitarbeiter/innen diese Orientierung nicht geben. Je besser ich mich also selbst kenne, je mehr ich um meine Eitelkeiten, Gefühlslagen und Triggerpunkte weiß, umso besser werde ich später in einer Führungsaufgabe performen können.

Frauen können sich bereits vor Antritt einer solchen Aufgabe sehr gut darauf vorbereiten. Mentorings oder Coachings sind eine wunderbare Möglichkeit, mehr über sich zu erfahren. Viele unterschätzen aber auch die Wirkung regelmäßiger Achtsamkeitspraxis. Darunter verstehe ich z.B. Yoga und Meditation. Praktiken also, die mich in eine bessere Wahrnehmung und Konzentration bringen und die meine Fähigkeit zu fokussieren, unterstützen. Für mich sind regelmäßige Meditationen nicht mehr wegzudenken. Das klärt mich auf allen Ebenen.

Tools zu erlernen, also z.B. Konfliktgespräche führen oder nonverbale Kommunikation in der Führung, rate ich immer erst, wenn die Frau bereits etwas Erfahrung gesammelt hat. Am konkreten Fall arbeitet es sich besser und hat mehr Effekt für die Frau. Alles andere ist dem Trockenschwimmen ähnlich. Oder: Theoretisch weiß man über die Praxis viel.

Alles, was einer Frau hilft, strukturierter also effektiver und effizienter zu arbeiten, sind dagegen sehr gute Qualifikationen. Auch wenn man bereits weiß, dass man z.B. ein Team, das agile Methoden nutzt, übernehmen wird, ist es hilfreich, diese Methoden zu kennen und darin firm zu sein. Viele agile Ansätze haben bereits Aspekte von Führung inkludiert und man lernt auf diesem Weg gleich auch für diese Ebene.

Ansonsten gilt: Locker machen. Niemand möchte mit einer Führungskraft zusammenarbeiten, die verbissen den Job machen will.

herCAREER: Auf der herCAREER geht es vor allem um den fachlichen Austausch, der auf den persönlichen Erfahrungen und dem Wissen der Sparringspartnerinnen aufsetzt. Zu welchen Themen können Sie im Vorfeld / auf der Messe / im Nachgang als Austauschpartnerin fungieren – in Schlagworten?

  • Einstieg Führung
  • Entwicklung Führungskompetenz
  • Inszenierung von Führungskompetenz
  • Selbstpräsentation
  • alles rund um Führung

herCAREER: Gibt es Themen, zu denen Sie persönlich eine/n Sparringspartner/in suchen und einen fachlichen wie persönlichen Austausch weiterführen möchten? Dann benennen Sie uns Schlagworte für ihre Themen.

  • Führen in selbstorganisiertem Umfeld/Organisationen

herCAREER: Wie können oder möchten Sie kontaktiert werden?

Über die Person

Nicole Bastien ist seit über 10 Jahren Geschäftsführerin der mbw, einer Agentur für Kommunikationslösungen mit Sitz in München. Als Sozialwissenschaftlerin hat sie von Beginn an eine andere Perspektive in die Firma und Branche eingebracht. Statt bloßer Zahlenorientierung stehen bei ihr die zwischenmenschlichen Töne im Mittelpunkt. Und das mit Erfolg. Durch ihre vielseitige Coachingausbildung und Coachingpraxis schaut sie anders auf die Menschen und hat dadurch ein umfassendes Wissen zur Inszenierung von Führungskompetenz erforscht.

Dieses MeetUp war Teil der Karriere-MeetUps bei der herCAREER 2018.