War Stefanie Lohaus überrascht von den Erfahrungsberichten, die Politikerinnen für die Anthologie „Zu anders für die Macht“ abgegeben haben? Nicht wirklich. Immerhin arbeitet sie seit mehreren Jahren als Mitglied der Geschäftsführung der EAF (Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft) in Berlin. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen hat sie die Expertise und das Netzwerk der EAF genutzt und ein Buch zusammengestellt, das zeigt, wie ungleich die Bedingungen für Frauen in der Politik sind. Im Interview mit herCAREER beleuchtet sie die strukturellen Herausforderungen des politischen Alltags und die Chancen, die mit mehr Frauen in der Politik einhergehen würden.
„Ohne Repräsentation in den Parlamenten und Gremien bleiben die Perspektiven von Frauen und anderen unterrepräsentierten Gruppen außen vor.“
herCAREER: „Zu anders für die Macht“ ist einerseits ein ehrlicher Realitätscheck, andererseits auch ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Frauen in der Politik. Welche weiteren Gegensätze stecken im Buch?
Stefanie Lohaus: Das Buch reflektiert die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Realität des Politikbetriebs. Die landläufige Meinung ist: „Jeder und jede kann sich doch wählen lassen. Selbst schuld, wenn es den Frauen zu anstrengend ist.“ Die Erfahrungsberichte zeigen dagegen die geballten strukturellen Hürden, die es für bestimmte Personengruppen ungleich schwieriger machen, sich politisch zu engagieren.
herCAREER: Warum ist der Mangel an Frauen in der Politik ein Problem, das uns alle angeht?
Stefanie Lohaus: Mangelnde Teilhabe bringt ernste praktische Probleme mit sich: Ohne Repräsentation in den Parlamenten und Gremien bleiben die Perspektiven von Frauen und anderen unterrepräsentierten Gruppen außen vor. Und ohne die Macht, die mit Repräsentation einhergeht, gibt es keine Gestaltungsmöglichkeiten, keinen Wandel. Es ist skandalös, weil es den Grundwerten der Demokratie widerspricht.
herCAREER: Nach welchen Kriterien habt ihr die Stimmen für das Buch ausgewählt?
Stefanie Lohaus: Wir wollten ein Buch, das in alle Richtungen vielfältig ist. Wir wollten die Erfahrungen von Kommunal- und Bundespolitiker:innen sowie Ehrenamtlichen und Berufspolitikerinnen sichtbar machen. Wir wollten unterschiedliche Konflikte und Bedürfnisse beleuchten und Stimmen aus allen demokratischen Parteien zu Wort kommen lassen. Darüber hinaus wollten wir die klassischen Vielfaltsmerkmale abdecken: zum Beispiel Migrationsgeschichte, Alter, Behinderung oder auch geschlechtliche Identität. Wir haben mit einer sehr komplexen Matrix gearbeitet und sowohl im Netzwerk der EAF Berlin als auch darüber hinaus nach Protagonistinnen gesucht.
herCAREER: Der Altersdurchschnitt der Männer im Bundestag liegt bei 48,2 Jahren, die meisten Abgeordneten sind weiß, sichtbare Behinderungen sind selten und über Neurodivergenzen wird kaum gesprochen. Wenn Frauen sich für mehr Repräsentation einsetzen, öffnen sie dann nicht auch die Türen für mehr Vielfalt unter männlichen Politikern?
Stefanie Lohaus: Und für positive Veränderungen! Männliche Abgeordnete sind genauso Burnout-gefährdet, auch sie bekommen Herzinfarkte. Auch sie würden davon profitieren, nicht nonstop, 70 Stunden die Woche, zu arbeiten. Die Strukturen zu verbessern, damit mehr Personengruppen politische Arbeit attraktiv und leistbar finden, verbessert die Rahmenbedingungen für alle!
herCAREER: Der Beitrag von Anke Domscheit-Berg (Die Linke) und Paula Piechotta (Bündnis 90/Die Grünen) beschreibt sehr eindrücklich, wie groß der Druck, wie vielfältig die Anforderungen sind. Wenn man zu dem hohen Arbeitspensum, Berufspendeln und der Präsenzpflicht noch Care-Verantwortung und strukturelle Betreuungslücken hinzurechnet, ist das kaum zu bewerkstelligen. Warum sollten sich Frauen das trotzdem antun?
Stefanie Lohaus: Erfahrene Politiker:innen, die den Betrieb mehrere Jahre aushalten können, müssen sich eigene Strategien zur Priorisierung zurechtlegen. Die Bedingungen lassen es nicht zu, das Arbeitspensum zu schaffen, deswegen sehen die Plenarsitzungen oft so leer aus, manche Unterlagen können nur überflogen werden. Darum schmuggelt Paula Piechotta ihren Laptop in die Sitzungen und darum schauen die meisten Anwesenden während der Sitzungen auf ihr Handy. Sie scrollen nicht auf Instagram, sondern lesen Papiere, vereinbaren Termine, korrespondieren mit ihren Büros.
herCAREER: Wieso wird das nicht reformiert?
Stefanie Lohaus: Das frage ich mich auch. Schließlich hat sich die politische Arbeit in den letzten Jahren und Jahrzehnten so verdichtet. Allein die Öffentlichkeitsarbeit und das damit einhergehende Management von Hass und Hetze sowie das psychische Aushalten dieser Bedrohungen, der viele Politiker:innen heute ausgesetzt sind, sind sehr aufwendig. Diesen Teil des Jobs gab es vor 20 Jahren noch nicht, heute wird er einfach vorausgesetzt. Das macht die Politik so unattraktiv, dass selbst Männer ohne Care-Verantwortung aus der Politik aussteigen, wie etwa Kevin Kühnert. Wir brauchen hier dringend strukturelle Reformen.
herCAREER: Woran, denkst du, scheitern die?
Stefanie Lohaus: Politiker:innen können und wollen keinen Eindruck von Überforderung hinterlassen, denn dann würden sie nicht wiedergewählt. Die Nachricht: „Wir machen eine Strukturreform, damit Bundesabgeordnete weniger arbeiten müssen“, würde einen Aufschrei bei den Bürger:innen verursachen. Wir brauchen gleichzeitig eine flächendeckende Aufklärung und ein Bewusstsein dafür, was Politiker:innen täglich leisten (müssen). Denn Politik und Demokratie haben ein Legitimitätsproblem. Mehr noch, die große Unzufriedenheit mit den demokratischen Prozessen führt zu einem Nachwuchsmangel. Ich bin überzeugt: Wenn wir die strukturellen Hürden in der politischen Arbeit beseitigen und bessere demokratische Bildungsarbeit leisten, würde sich die Nachwuchsthematik nachhaltig auflösen. Denn viele berichten ja auch, dass es sehr viel Freude macht und sinnstiftend ist, Gesellschaft mitzugestalten.
herCAREER: Im Buch skizzieren einige der Protagonistinnen Lösungsansätze. Welche sind das?
Stefanie Lohaus: Das sind zum Teil ganz klassische Fragen des Zeit- und Ressourcenmanagements. Manchmal würde ich gerne eine Unternehmensberatung in Ratssitzungen schicken, um die Prozesse zu optimieren. Die Redezeiten würden begrenzt und die Sitzungen professionell moderiert. Die Vorlagen hätten nur noch fünf statt 50 Seiten.
herCAREER: Die Kommunalpolitikerin Natascha Sagorski erzählt auf herCAREER.com im Interview, dass sie sich in ihrem Ortsverein auf elternfreundliche Sitzungszeiten einigen und kinderfreundliche Parteiveranstaltungen planen, damit die Betreuung gesichert ist. Welche Bedürfnisse gibt es jenseits von Vereinbarkeitslösungen?
Stefanie Lohaus: Die Parteien brauchen mehr Unterstützung im Umgang mit Hate Speech und den massiven Anfeindungen, denen vor allem Frauen und andere eh schon diskriminierte Personengruppen ausgesetzt sind – und das im Netz und analog. Ein angemessener Schutz verlangt nach gesetzlichen und professionellen Maßnahmen. Die Organisation Hate Aid macht einen hervorragenden Job, ist aber viel zu klein. Wir brauchen Strukturen, um Kommunalpolitiker:innen im Ehrenamt adäquat zu beraten und zu verteidigen. Anlaufstellen, in denen Betroffenen zugehört wird, und dass Straftaten auch tatsächlich verfolgt werden. Was wichtig ist: Diese Unterstützung darf nicht nur durch die Parteien selbst finanziert werden müssen, denn die haben nicht annähernd so viel Geld, wie man annimmt.
herCAREER: Was ist mit Barrierefreiheit? Was für ein enormer Fortschritt wäre es, wenn gehörlose Bürger:innen an Kommunalversammlungen teilnehmen könnten und Heike Heubach (SPD) nicht die einzige gehörlose Bundestagsabgeordnete wäre?
Stefanie Lohaus: Ja, nur eine Gebärdendolmetscherin kostet sehr viel Geld – und das muss eine Kommune erst einmal haben. Darum hoffe ich, dass die Barrierefreiheit zumindest in diesem Bereich mit digitalen Tools und KI deutlich besser werden wird und Barrierefreiheit nicht nur in den höheren Ämtern gewährleistet ist.
herCAREER: Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a.D. (CDU), die das Schlusswort in eurem Buch gibt, engagiert sich für die Initiative „Parität jetzt!“. Wie schätzt du die Aussichten für eine Wahlrechtsreform und einen paritätisch besetzen Bundestag ein?
Stefanie Lohaus: Ein Paritätsgesetz würde vieles verändern. Aber durch den aktuellen Backlash rechter und rechtskonservativer Kräfte scheint es erst einmal in die Ferne gerückt zu sein. Nun hängt der Erfolg stark von der politischen Lobbyarbeit ab – und von der Frage, wie konservativ die Verfassungen ausgelegt werden. Schließlich steht im Grundgesetz, dass der Staat die Benachteiligung von Frauen beseitigen muss.
herCAREER: Wird euer Buch dazu beitragen?
Stefanie Lohaus: Nun, ich glaube, die Frauen in diesem Buch haben bereits alle dazu beigetragen! Mit ihrer Anwesenheit, ihrer Arbeit und ihrer Kritik. Sie haben ihren Teil getan. Jetzt müssen andere folgen.
herCAREER: Ausgerechnet jetzt, wo der Nachwuchs fehlt, wie du sagst? Oder vielleicht jetzt erst recht?
Stefanie Lohaus: Ich glaube, Frauen werden sich immer engagieren, aktivistisch und aktiv sein. Es ist eben ein langer und zäher Prozess, der in Wellen verläuft. Wir müssen uns gerade vor allem damit beschäftigen, Rückschritte aufzuhalten, aber das ist eine Phase, die wir überstehen werden. Die Wahrheit ist, dass fünf der Protagonistinnen aus dem Buch bereits jetzt nicht mehr in der Politik arbeiten. Aber: Andere machen weiter, und das macht Mut, weiter für Gleichstellung zu kämpfen. Die nächste Welle der Unzufriedenheit mit der Politik wird kommen und damit wieder eine Chance für progressive Kräfte.
herCAREER: Was ist dein Appell an die, die sich weiterhin politisch engagieren oder damit beginnen möchten?
Stefanie Lohaus: Wir dürfen uns nicht auf die Spielchen demokratisch gewählter, aber undemokratischer Parteien einlassen. Die sachlichen Auseinandersetzungen geraten immer weiter in den Hintergrund. Um dagegenzuhalten, müssen die Frauen stärker zusammenhalten und überparteilich arbeiten. Das schreibt auch Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in ihrem Beitrag. Sie hat die Einführung der Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe mit vorangetrieben – ohne den überparteilichen Zusammenhalt wäre die Gesetzesänderung nicht zustande gekommen. Minderheiten müssen zusammenhalten. Ohne interfraktionelle Bündnisse wären weder das Gewaltschutzgesetz noch das Gesetz zum gestaffelten Mutterschutz erfolgreich gewesen. Frauen müssen zusammenhalten – streiten können sie sich dann später immer noch.
Das Gespräch führte herCAREER Redakteurin Kristina Appel.
Über die Person
Stefanie Lohaus ist Mitglied der Geschäftsführung, Leiterin Kommunikation der EAF Berlin und Projektleitung des Bündnisses „Gemeinsam gegen Sexismus“. Sie gibt Workshops und hält Vorträge zu Themen wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Frauen in Popkultur und Medien, Rechtspopulismus, Feminismus und demografischer Wandel.
Im Rahmen ihrer Projektleitung des Bündnisses „Gemeinsam gegen Sexismus“ hat Stefanie Lohaus Praxiserfahrung im Alliance Building zwischen Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft gesammelt.
Sie hat Artikel auf Zeit Online, Vice.com, FAZ und FAS veröffentlicht. Anfang 2008 war sie eine der vier Gründerinnen des Missy Magazine, das sie zehn Jahre als geschäftsführende Redakteurin leitete und dessen Mitherausgeberin sie bis heute ist.
Am 10. Oktober wird Stefanie Lohaus bei der herCAREER-Expo ein Gespräch über wirksame Ansätze für mehr Vielfalt in der Politik mit Blick auf die Protagonistinnen aus dem Buch führen.