„Hat die überhaupt ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?“ So lautete einer der milderen Kommentare, den Claudia Neumann auf Social Media abbekam, als sie 2016 Spiele der Fußballeuropameisterschaft im Fernsehen kommentierte. In der Community der Messe herCAREER präsentiert die erfolgreiche Sportreporterin nun ihr gleichnamiges Buch, in dem sie von ihrem Karriereweg im Männerbusiness Fußball erzählt.

„Ich polarisiere automatisch durch meine Frauenstimme“

„Ich bin schon sehr lange in dem Berufsfeld. Deshalb hat es eine gewisse Logik, dass ich oft die erste Frau war“, sagt Claudia Neumann, die als „erste Frau“ ein Fußballspiel der Frauenliga, der EM 2016, der WM 2018 und der Champions League im Fernsehen kommentierte. Schon als Mädchen begeisterte sie sich fürs Fußballspielen. Während des Studiums hospitierte sie bei RTL und SAT.1 und setzte sich später in dem noch jungen Berufsfeld des Live-Kommentierens im Fernsehen durch.

In ihrem Job sieht sie sich nicht als Entertainerin, die die Defizite der Spieler kompensiert. Ihren Stil beschreibt sie vielmehr als „am Spiel orientiert“. „Ich versuche nie aus einem schlechten Spiel ein gutes zu machen.“ Alle Kommentatoren machten Fehler – das müsse man wegstecken, gerade in der Live-Situation. Neben berechtigter Kritik begleiten Claudia Neumann jedoch immer, wenn sie große Spiele kommentiert, viele Hass-Kommentare in Social Media. „Ich polarisiere automatisch durch meine Frauenstimme“, hat die Sportreporterin beobachtet.

Das ZDF veröffentlichte 2016 einige Kommentare, darunter der Titel ihres im Frühjahr 2020 erschienenen Buchs: „Hat die überhaupt ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?“. „Frauen und Haushalt – dieses antiquierte Rollenbild ist wohl doch noch in vielen Köpfen“, so Claudia Neumann. Ihre Mutter habe noch ihren Vater fragen müssen, ob sie arbeiten gehen dürfe. Seither habe sich viel verändert. „Offensichtlich geht diese Veränderung manchen zu schnell. Dass Menschen hier Ängste haben, zeigt sich dann gern an so einer Banalität wie Fußball.“

Aber es gebe im Fußball auch positive Entwicklungen, gerade in der Corona-Zeit. Fußballfans hätten sich zum Beispiel im bundesweiten Bündnis „Unser Fußball“ organisiert, um ihre Argumente gegen die Kommerzialisierung des Fußballs vernünftig vorzutragen. Ihre Sprecherin Helen Breit, Anhängerin des SC Freiburg, bringe ihre Themen sicher und strukturiert vor – das mache sie wohl besser als so mancher Mann. „Da sieht man, was Frauen können.“

Gerade Führungsetagen besetzten noch immer oft Männer, die mit dem Fußball aufgewachsen sind oder Jugendtrainer waren. Da gebe es die Denke, Frauen könnten das nicht, gerade in kleineren Vereinen und Verbänden. Das bringe selbst qualifizierte Frauen an ihre Grenzen. „Aber dass heute ganz viele Frauen Ahnung von Fußball haben, versteht sich doch von selbst. Wir müssen mehr Ausschau halten, wo die talentierten Mädels sind.“ Viele Fernsehsender hätten erkannt, dass sie Frauen stärker unterstützen müssten. Eine Quote befürwortet Claudia Neumann allerdings nicht. Wer das Gefühl habe, Quotenfrau zu sein, könne nicht das nötige Selbstbewusstsein im Berufsfeld Fußball entwickeln. „Wir müssen durch Kompetenz überzeugen, sonst kommt das wie ein Bumerang auf uns zurück.“

In ihrem Buch stellt die Sportreporterin fünf herausragende Frauen aus der Fußballwelt vor: Tina Theune, Monika Staab, Birgit Prinz, Bibiana Steinhaus und Katja Kraus. Es war mir eine Herzensangelegenheit zu zeigen, dass es Frauen gibt, die im Fußball tolle Sachen machen – ob als Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Manager oder Botschafter.“ Sie selbst sei eher ein „Vorbild wider Willen“ – Genderfragen waren früher nie ihr Ding. Inzwischen habe sie aber erkannt, dass Frauen im Fußball eine Stimme brauchen. „Da fühle ich die Verantwortung voranzugehen.“

Bevor Claudia Neumann auf der nächsten herCAREER 2021 im Rahmen ihres Authors-MeetUps ihr Buch „Hat die überhaupt ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?“ vorstellt, wird ein Impulsvortrag im herCAREER Podcast powered by LinkedIn mit ihr zu hören sein.

Über die Person

Claudia Neumann, Jahrgang 1964, wächst in einem verschlafenen Nest im Rheinland auf – in einer Zeit, in der Deutschland noch geteilt ist und Frauen, die arbeiten wollen, die Erlaubnis ihres Mannes brauchen, und Mädchen die Erlaubnis ihrer Eltern, Fußball zu spielen. Sie studierte Germanistik, Pädagogik und Sport in Bonn und begann 1991 ihre Fernsehkarriere als Hospitantin bei RTL. Seit 1999 ist sie beim ZDF, wo sie 2011 als erste Frau die Frauenfußball-WM Spiele live im Fernsehen kommentierte. 2016 war sie Live-Reporterin bei der Fußball-EM in Frankreich, 2018 bei der WM in Russland. Claudia Neumann spielt selbst leidenschaftlich gerne Tennis und Fußball – und liebt es, Sportsfreunde in ihrer Küche zu bekochen. Im Frühjahr 2020 erschien ihr Buch „Hat die überhaupt ´ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten? Wie ich lernte, das Leben sportlich zu nehmen“. In einer Mischung aus Autobiographie und Sachbuch analysiert sie, was hinter der Hetze in sozialen Netzwerken steckt und erzählt von ihrem Lebensweg als Sportjournalistin.

Im Interview mit der herCAREER sprach Claudia Neumann über ihr Buch, ihren Karriereweg und Frauen im Fußballbusiness.