Der Umstieg auf die freiberufliche Tätigkeit während der Elternzeit

Als Freelancer für ein chinesisches Startup arbeiten

Elena Gatti leitet seit November 2016 als Managing Director die Vertriebsaktivitäten der Azoya Group in der DACH Region. Ihre berufliche Karriere begann sie als Projektmanagerin am Department of Multimedia & Software Engineering an ihrer Alma Mater. Danach war sie fünf Jahre im Hause Accenture im Bereich Finance & Performance Management als Consultant tätig bevor sie, ebenfalls als Beraterin, bei der Macromedia GmbH arbeitete. Während der Elternzeit kam der Umstieg auf die freiberufliche Tätigkeit.

Vor drei Jahren – während der Elternzeit – bekam Elena Gatti das Angebot, als Freelancer für ein chinesisches Startup zu arbeiten. Bis dahin hatte sie ausschließlich als Angestellte im Consulting gearbeitet und von China hatte sie keine Ahnung. Elena reizte die flexible Arbeitsgestaltung, die ihr das Unternehmen als Freelancer anbot – und sie akzeptierte. Der Anfang war holprig: Andere Kultur, andere Arbeitsweisen und -gewohnheiten – es war ein Herantasten beiderseits und Elena hat viel gelernt. Vor allem, dass man offen sein muss und flexibel, wenn man mit Chinesen arbeiten möchte.

Dieses MeetUp ist Teil der Expert-MeetUps bei der herCAREER 2018, Ort und Zeitpunkt finden Sie im Programm.

Wie sieht dein Arbeitsalltag in der Zusammenarbeit mit China aus?

Durch die Zeitverschiebung ist die intensivste Arbeitszeit am Vormittag, in der Regel arbeite ich zwischen 8 bis spätestens 15 Uhr. Das passt ganz gut zur familiären Situation, da die Kinder am Vormittag in Schulen, Kindergarten, etc. sind. Geschäftsreise innerhalb Deutschlands gehören auch dazu; ich kann allerdings selbst planen wann mir die Geschäftsreise passt. Es kann also durchaus sein, dass ich einen Kundentermin so plane, dass es zum Beispiel mit dem Schulfest meines Kindes nicht kollidiert. Außerdem spreche ich auf Events und Konferenzen, diese sind gut im Vorfeld planbar. In Deutschland sind wir zu dritt, allerdings nicht in der gleichen Stadt, sondern in Berlin, München und Köln. Der Austausch mit meinen Kolleginnen in Deutschland (ja, wir sind ein reines Frauenteam) ist für mich sehr wichtig, nicht nur fachlich aber auch menschlich.

Die Firma, für die ich arbeite, hat ihren Sitz in Shenzhen – dem Silicon Valley Chinas – und wir sind ca. 250 Mitarbeiter, davon insgesamt 3 „Nicht-Chinesen“: Zwei in Deutschland und ein weiterer in den USA. Meine Chefs sind in China und ich berichte auch direkt an unseren CEO und Founder. Wann und von wo ich arbeite, ist für meinen Chef uninteressant, Hauptsache die Ergebnisse stimmen.

Das spannendste ist die Kommunikation. Im Rahmen meiner Arbeit kommuniziere ich sowohl mit meinen Kollegen und Vorgesetzten in China, als auch mit unseren deutschen und italienischen Kunden. Die Kommunikation ist dabei sehr unterschiedlich: Mit China läuft alles hauptsächlich über WeChat – das ist sowas wie Whatsapp in China. Die Kommunikation ist dadurch sehr schnell und unkompliziert. Wenn ich aufstehe und nachdem ich meinen Kaffee getrunken habe, lese ich als allererstes meine WeChat Nachrichten. Kommunikation über Email mit den Kollegen wird immer weniger und passiert fast nur, wenn ein deutscher Kunde involviert ist. Mit meinen chinesischen Kollegen telefoniere ich auch sehr oft über WeChat. Sehr unkompliziert. Aber auch sehr schnell-lebig.

Die Kommunikation mit den (deutschen und italienischen) Kunden findet hingegen auf „klassischer“ Weise per Email und vereinbarter Telefontermine statt. Spannend ist immer der Punkt, wenn ich unsere Kunden frage, ob sie bereit wären, mit China über WeChat zu kommunizieren, damit das Projekt schneller vorankommt. Ich habe sehr unterschiedliche Reaktionen erleben dürfen.

Was ist die größte Herausforderung deiner Arbeit und was ist der positivste Aspekt?

Die größte Herausforderung für mich ist das Vertrauen potentieller Kunden hier in Deutschland in ein chinesisches Unternehmen zu gewinnen. Aus meiner Erfahrung sind viele deutsche Geschäftsführer noch skeptisch gegenüber China, bzw. viele erkennen das Potential aber es dauert Monate, wenn nicht Jahre, ihr Vertrauen zu gewinnen. Und weil letztendlich die meisten (Business-) Entscheidungen auf emotionaler Ebene getroffen werden, werden sich unsere deutschen Kunden nur auf eine Kooperation mit uns einlassen, wenn sie uns vertrauen. Dieses Vertrauen aufzubauen ist eine Aufgabe und eine Herausforderung.

Der positivste Aspekt ist, dass ich durch meine Arbeit sehr viel über die chinesische Kultur und die chinesische Denkweise gelernt habe. China ist ein Land, welches mir vor ein paar Jahren völlig fremd war und ehrlich gesagt, auch sehr unsympathisch. Jetzt, ein paar Jahre später, bin ich sehr vertraut mit dem Land und seinen Einwohnern und insbesondere habe ich auch die positiven Aspekte kennengelernt und wieder mal die Bestätigung bekommen, dass nichts ist schwarz oder weiß ist. Meine chinesischen Kollegen haben mir klar gezeigt, dass nichts unmöglich ist und es immer ein Weg gibt; sie suchen immer sehr stark nach Lösungen und nicht nach Problemen. Das bewundere ich sehr.

Was räts du Frauen, die ein Angebot erhalten, das ihren aktuellen Erfahrungsschatz übersteigt bzw. worüber sie bislang nie nachgedacht haben?

Frauen tendieren dazu, den großen Berg vor Augen zu sehen und dieser Berg scheint viel zu hoch und viel zu steil und die eigene Ausrüstung im Gepäck viel zu dünn. Die meisten Frauen machen sich dann tagelang Gedanken und der Berg wird im Gedanken noch größer, als er tatsächlich ist und am Ende fangen sie gar nicht erst an, den Berg zu besteigen.

Allerdings erwartet niemand, dass der Berg in einem Tag bestiegen werden soll. Und das sehen viele nicht. Wenn man anfängt und jeden Tag ein paar Schritte geht und man jeden Tag dazu lernt und wächst, wird der Berg von Tag zu Tag weniger steil und es ist machbar.

Ich kann Frauen nur dazu raten, sich nicht zu viele Gedanken zu machen, sondern es einfach tun und mit den ersten Schritten anzufangen. Der Rest kommt von allein und man ist ein paar Monate später sehr stolz darauf, dass man den Berg bestiegen hat und es gar nicht so schwer war.

Und interessanterweise machen sich aus meiner Erfahrung die meisten Männer, insbesondere in Management-Positionen, sehr wenige oder gar keine Gedanken darüber, ob sie etwas schaffen können oder ob sie überhaupt genug qualifiziert sind. Sie machen es einfach. Ich wünschte mir manchmal, dass Frauen etwas weniger „überlegt“ wären und „es einfach tun“ und dabei vor allem den eigenen Fähigkeiten vertrauen.

Auf der herCAREER geht es vor allem um den fachlichen Austausch, der auf den persönlichen Erfahrungen und dem Wissen der Sparringspartnerinnen aufsetzt.

Zu welchen Themen können Sie im Vorfeld / auf der Messe / im Nachgang als Austauschpartnerin fungieren – in Schlagworten?

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