• „Über Geld spricht man!“: Henrike von Platen, Gründerin des Fair Pay Innovation Labs (FPI) präsentiert im Authors-Meetup am 30. Oktober 2020 auf der herCAREER 2020 ihr gleichnamiges Buch
  • Neue Gesprächskultur: Welche Sprache Lohngerechtigkeit und Gleichstellung der Geschlechter braucht

„Systemrelevanz ist ein unglücklicher Begriff“

Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, Bezahlung von Care-Arbeit, Gehaltstransparenz – wir müssen mehr über diese Themen reden, meint Henrike von Platen, Gründerin des Fair Pay Innovation Labs (FPI). Mit ihrem neuen Buch „Über Geld spricht man“ kommt die Unternehmensberaterin und Wirtschaftsinformatikerin deshalb zum Authors-Meetup der herCAREER 2020 und regt dort eine neue Gesprächskultur zum Thema Vergütung an.

Der Gender Pay Gap in Deutschland liegt bei 20 Prozent. Das heißt, dass Frauen ein Fünftel weniger Gehalt bekommen als Männer. „Die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen klaffen vom Berufseinstieg bis zur Rente immer weiter auseinander und münden am Ende des Berufslebens in eine Rentenlücke von 50 Prozent“, betont Henrike von Platen. Das lasse sich zwar leicht erklären: Frauen setzten familienbedingt öfter und länger aus, arbeiteten häufiger in Teilzeit, übernähmen einen großen Teil der Care-Arbeit und seien seltener in Führungspositionen. Doch nur, weil sich das erklären lasse, sei dies noch lange nicht fair. „Deswegen sollten wir immer über die tatsächliche, die sogenannte unbereinigte Lohnlücke sprechen.“

„Frauenberufe werden systematisch schlechter bezahlt“, fügt Henrike von Platen hinzu. Sobald mehrheitlich Männer einen Beruf ergreifen, steigen die Löhne – wie zum Beispiel in der Informatik. Umgekehrt verdiente man als Grundschullehrer einst sehr gut. Erst als sich vor allem Frauen für den Beruf entschieden, sanken die Löhne. Dieser Mechanismus werde in der Corona-Krise besonders sichtbar, indem sogenannte „systemrelevante Berufe“ wie die von Kassierer*innen, Krankenpfleger*innen und Spargelstecher*innen Applaus ernteten statt faire Bezahlung. „Der Begriff Systemrelevanz ist extrem unglücklich“, sagt die Wirtschaftsinformatikerin. „Vielleicht ist schlicht das System grundfalsch, das nicht Menschlichkeit, sondern Wirtschaftlichkeit in den Mittelpunkt stellt? Ich möchte lieber von Gesellschaftsrelevanz sprechen.“

Die Krise werde nur zur Chance, wenn man nicht „in die Bedauerungsspirale abrutsche“ und eine breite Debatte über den Wert von Arbeit entstehe. Manche Unternehmen gestatten Beschäftigten, bis zu 25 Prozent ihrer Arbeitszeit für Care-Arbeit zu nutzen, ohne Einbußen beim Gehalt. „Meine Hoffnung ist, dass die Arbeitgebenden dabei feststellen: Die Mitarbeitenden schaffen in der kürzeren Zeit das Gleiche wie vorher. Wenn alle weniger arbeiten würden, dann gäbe es auch für alle mehr Wertschätzung und Anerkennung“, so Henrike von Platen, die eine gesetzliche 32-Stunden-Woche befürwortet. „Dann würde Teilzeit die Aufstiegschancen von Frauen in Führungspositionen nicht länger bremsen.“

In Unternehmen, in denen der Anteil von Frauen in Führung hoch sei, sinke der Gender Pay Gap. Ähnlich wie bei der Quote erhöhe der Anteil an sichtbaren Führungsfrauen die Wahrscheinlichkeit, dass mehr Frauen besser bezahlte Jobs bekämen. „Und umgekehrt erhöht gleiche Bezahlung die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen in Führung kommen. Die Wechselwirkung ist eindeutig.“ Doch bisher reiche die Gesetzgebung dafür nicht aus. Das Entgelttransparenzgesetz suggeriere zwar ein Recht auf Transparenz. Das Problem sei allerdings, dass es auf die Einzelperson abziele. Die Beschäftigten müssten aktiv eine Auskunft verlangen und im Zweifel beweisen, dass sie weniger verdienen als jemand im gleichen Job mit anderem Geschlecht. „Wir brauchen eine Beweislastumkehr: weg vom Individuum hin zu den Unternehmen, die für die Bezahlung verantwortlich sind.“

Um die Lohnlücke zu schließen, helfe aber vor allem eins: Über Geld sprechen! „Ob Unternehmerin oder Entscheidungsträger, Politikerin oder Wissenschaftler, Beschäftigte oder Eltern, das ist die eine Sache, die wir alle tun können, um das Tabu zu brechen. Wir brauchen eine neue Gesprächskultur und eine neue Sprache.“

Wie diese neue Sprache aussehen kann, erläutert Henrike von Platen als Speakerin des Authors-Meetup am 30. Oktober 2020 auf der herCAREER 2020 (29. und 30. Oktober in München). Mit dabei hat sie ihr neues Buch „Über Geld spricht man“, in dem sie analysiert, wie wir mehr Lohngerechtigkeit für alle erreichen.

Über die Person

Henrike von Platen, geboren 1971, ist eine der führenden Expertinnen zu den Themen Lohngerechtigkeit und Entgelttransparenz in Deutschland. Sie arbeitete als Unternehmensberaterin und Wirtschaftsinformatikerin und gründete das „Fair Pay Innovation Lab“ (FPI) in Berlin, das als Non-Profit-Organisation Wirtschaft und Politik bei der praktischen Umsetzung gerechter Bezahlung begleitet. Zuvor war sie von 2010 bis 2016 als Präsidentin der „Business and Professional Women Germany“ Schirmherrin der Equal Pay Day-Kampagne. Zum Thema Fair Pay hat sie zahlreiche Texte veröffentlicht und hält dazu regelmäßig Vorträge auf Messen, Medienkongressen und an Hochschulen.

Im Interview mit der herCAREER spricht Henrike von Platen über Fairness, die Wertschätzung von Menschlichkeit und eines der hartnäckigsten Tabus in der Arbeitswelt.