Introvertiertheit und Erfolg sind kein Widerspruch

Nach Jahren der Anpassung in einer extro-normierten Gesellschaft und ständiger Herausforderung durch Präsentationen und Gruppenarbeit, Konzernkarriere und Selbstständigkeit, weiß Britta Moser mittlerweile, wie wertvoll ihre Stärken als Introvertierte sind – für sie selbst, ihre Auftraggeber*innen und die Gesellschaft. Als Purpose Strategist und Expertin für digitale und sozio-kulturelle Transformation mit den Schwerpunkten nachhaltige Strategie-, Innovations- und Organisationsentwicklung unterstützt sie die Unternehmen bei Positionierung, Strategie und digitalem Wandel. Dabei helfen ihr neben der Introversion ihre Erfahrung in der digitalen Brand-/ Innovations- und Produktentwicklung, ihr Hintergrund als Kulturanthropologin sowie die ethnographische Forschung im Zielgruppen- und Corporate Bereich.

Mindestens 30 % aller Menschen sind introvertiert. Angesichts dieser Zahl ist es eigentlich unglaublich, dass Organisationsdesign, Marketing, Leadership und Karrierefaktoren nahezu ausschließlich auf Extroversion ausgelegt sind. Im MeetUp diskutieren wir deshalb über Strategien für Introvertierte am Arbeitsplatz, beleuchten das Potenzial introvertierter Zielgruppen und geben Anreize, das eigene Umgangs- und Führungsrepertoire zu erweitern. Das MeetUp richtet sich an Intros & Extros gleichermaßen.

Dieses MeetUp ist Teil der Karriere-MeetUps bei der herCAREER 2018, Ort und Zeitpunkt finden Sie im Programm.

Was ist der wichtigste Schritt, den introvertierte Menschen im Berufsleben gehen müssen?

Aus meiner Sicht gibt es gleich zwei wichtige Schritte, um als introvertierter Mensch in seinem beruflichen Dasein Erfüllung zu finden: Der erste ist, dass man sich selbst kennenlernt und die Bedingungen der eigenen Introversion versteht und annimmt. Der zweite Schritt ist, dass man sich auf dieser Basis „zutraut“, sich seinen Raum zu nehmen, und es dann auch tut. Das Signal „Ich bin hier, weil ich es möchte, und zwar zu meinen Bedingungen“ gibt die Freiheit und Gelassenheit, das Berufsleben entlang der eigenen Werte und Bedürfnisse zu gestalten.

Gehen wir davon aus, dass introvertierte Menschen stets im Schatten Extrovertierter stehen – ist der Berufsweg automatisch holpriger für sie?

Das denke ich tatsächlich, einfach weil unsere Gesellschaft und das schulische und berufliche Umfeld so auf die Qualitäten und Attribute der Extroversion geprägt sind; eine „cultural bias“, wie Susan Cain es so treffend erklärt. Vor dem Hintergrund, dass sich introvertierte Menschen dieser dominanten, extrovertierten Norm anpassen müssen, fühlen sie sich weniger wertgeschätzt, oft missverstanden und ihre Talente nicht anerkannt. So kann es mitunter äußerst holprig sein, einfach weil die extrovertierten Qualitäten als DAS Erfolgsparameter gelten – und weil es dem introvertierten Naturell nicht entspricht und somit hohen energetischen Aufwand bedeutet.  Allerdings bringen Introvertierte so viele Qualitäten für das Berufsleben mit, dass sie diesen Faktor eigentlich nachhaltig aushebeln können, sofern sie gelassen und geschätzt werden. Erfolgreiche Unternehmen können darauf nicht verzichten.

Können ruhige Menschen lernen, laut zu sein? Was sind Techniken, die man anwenden kann, aus sich heraus zu gehen?

Ja, das können sie. Zu dem Für und Wider gibt es diverse psychologische Theorien und Ansichten. An dieser Stelle möchte ich allerdings klar machen, dass ich es nicht als sinnvoll erachte, wenn man versucht, seine Introversion mit extrovertierten Qualitäten zu überschreiben bzw. sehr grundsätzlich über längere Zeit hinweg gegen das eigene Naturell zu handeln. Sich seiner introvertierten Identität bewusst zu sein, ist grundlegend. Aber es ist auch wichtig, dass Introvertierte verstehen, wie eine extrovertierte Welt funktioniert, und wie sie es innerhalb dieser schaffen, ihre Ideen und Stärken gezielt einzubringen, ohne dabei zu viel Energie zu verlieren. Zu trainieren, wie man – entsprechend der eigenen Bedürfnisse – vor Publikum sprechen, durch Meetings führen oder verhandeln kann und auch mit extrovertierten Kollegen gut zusammenarbeitet, ist durchaus von Vorteil.

Wie man das umsetzen kann? Zum einen kann man erstmal der inneren kritischen Stimme etwas weniger Gehör schenken und sich dazu mit anderen Introvertierten austauschen. Man kann auch regelmäßig aus seiner Komfortzone heraustreten. Es lohnt sich immer! Das bekannte „Fake it till you make ist“ ist auch ein interessanter Ansatz, um sich quasi in das richtige Mindset zu versetzen: Zu wissen, wie man sein Selbstbewusstsein aufrufen bzw. zumindest in den ersten Minuten vortäuschen kann (z. B. Haltung, Gesichtsausdruck, Atmung), hilft beim Eintritt in einschüchternde Situationen sehr. Zum anderen kann man sich Dinge antrainieren, wie etwa das Wort in Meetings häufiger zu ergreifen, um sichtbarer zu sein und „aktiver“ zu wirken. Ob Letzteres für die nachhaltige Entwicklung etwas bringt, bezweifle ich aber. Viel wirksamer ist es, daran zu arbeiten, gemäß seiner Überzeugung zu handeln und diese vermitteln zu können. Im Dienste dieser Überzeugung können wir „wider unserem Naturell“ handeln bzw. auf Basis unserer Werte die notwendigen Mittel und Verhalten für den höheren Sinn in Kauf nehmen.  Sind wir innerlich fest überzeugt und in der Lage, das auszudrücken, kann wenig schiefgehen. Vielmehr steigt sogar unsere Lebensqualität an, wenn wir ein wichtiges persönliches Anliegen verfolgen. Überzeugungen verändern die Welt, und vielleicht ja auch wir Introvertierten.

Auf der herCAREER geht es vor allem um den fachlichen Austausch, der auf den persönlichen Erfahrungen und dem Wissen der Sparringspartnerinnen aufsetzt. Zu welchen Themen können Sie im Vorfeld / auf der Messe / im Nachgang als Austauschpartnerin fungieren – in Schlagworten?

  • Introversion im beruflichen Umfeld
  • Digitale Transformation
  • Soziokultureller Wandel
  • Nachhaltige Unternehmensführung und Innovationsentwicklung
  • Human-Centered Approaches

Wie können oder möchten Sie kontaktiert werden?