Wie ich mit Diversität und partizipativer Führung den Katastrophenschutz revolutionierte

Wie baut man in 72 Stunden erfolgreich eine Organisation an fünf Orten mit 4.000 Mitarbeitern auf, um in 21 Tagen 120.000 Flüchtlinge notzuversorgen? Ich habe das im September 2015 geschafft. Im Auftrag der Stadt München übernahm ich, als damals 25-Jährige, im Krisenstab die Hauptkoordination tausender Spontanhelfer. Spannende und absurde Geschichten über eine abgeschottete und hierarchische Männerwelt und wie durch partizipative Ansätze und Diversität in Zukunft Krisenszenarien erfolgreich gemanagt werden.

Bildung, Diversität, Europa, Migration und Soziales

herCAREER: Was war Ihr größtes Learning aus den 72 Stunden, in denen Sie 2015 die Hauptkoordination tausender Spontanhelfer im Rahmen der Flüchtlingskrise übernahmen?

Lessig: Da gibt es zahlreiches, denn die Ereignisse und die neuen Erkenntnisse waren unglaublich dicht. Ich für mich nehme als allgemeine Erkenntnisse fünf Aspekte mit:

  1. Echte Diversität ist ein unglaublicher Katalysator, dessen Wirksamkeit im Detail schwer prognostizierbar ist, da durch Diversität erst im Geschehen selbst Möglichkeiten zu Tage treten, die einem selbst unsichtbar sind. Trotzdem gibt es ein „Teamfit“, zu dem die Personen passen müssen. Diversität darf kein Argument sein, Störer im Team zu halten.
  2. Flache Hierarchien ermöglichen viel mehr Agilität und bedarfsgerechte Regeln vor Ort. Doch sie müssen in beide Richtungen durchlässig sein für Informationen und gegebenenfalls Anweisungen. Nur wenn Durchlässigkeit gewahrt wird und flache Hierarchien partizipativ genutzt werden, agiert Führung nicht an den Bedürfnissen vorbei und erfahren Mitarbeiter „echte“ Wertschätzung. Manchmal ist vor Ort mitarbeiten, nicht Zoobesuch sondern Mitarbeit, auch die einzige Möglichkeit für unmissverständliche Kommunikation.
  3. Experimentieren was das Zeug hält. In einer neuen Situation und wenn improvisiert werden muss, geht nur Probieren, Probieren, Probieren. Damit das nicht gefährlich endet, müssen ein paar Mechanismen eingeführt werden, die Menschen die Bedeutung dessen bewusst machen. Wir haben ein striktes Vieraugenprinzip durchgezogen. Jede Entscheidung musste mit irgendjemand anderem getroffen werden. Egal wem. Hauptsache jemand anderem. Zu zweit begeht man viel weniger Leichtsinn als allein. Und wenn dann doch etwas schiefgeht, haben Regeln wie „Wasserkocher nicht auf den Stromkasten stellen“ mehr Akzeptanz; denn sie sind versehen mit dem Label „Exklusiv für sie getestet“.
  4. Lass Deine Feinde für Dich arbeiten. Um Informationshoheit in den (sozialen) Medien zu erlangen, mussten wir uns so einiger Tricks bedienen. Das ist schon eine Vorlesung an sich wert. Aber die wichtigste Erkenntnis war, dass man Trolle für seine Zwecke einspannen muss und kann, wenn man schnell die Informationshoheit haben möchte und sich nicht mit Shitstorms überflüssige Stunden um die Ohren schlagen möchte. Man muss einfach den Troll als begeisterten und hochmotivierten Ehrenamtlichen im unermüdlichen Einsatz für die Wahrheit begreifen. Dann kann man ihn als Mitarbeiter handhaben.
  5. Bei allem Gewusel braucht es Konstanten und einfache Signale. Konstanz und Rhythmisierung schafft Vertrauen, oft in sehr naiver Weise. Führungskräfte? Tragen eine Weste. Kommunikation? Macht nur eine Person. (Auch wenn diese Person backstage als Avatar von bis zu 20 alternierenden Personen ausgestaltet wird) Schichten? Wechseln alle vier Stunden. Probleme? Permanente Supervision fängt jede kleine Krise sofort auf und wertet nicht, was als Krise zählt. Postings? Haben ein Ablaufdatum!

herCAREER: Was war die absurdeste Story, an die Sie sich erinnern?

Lessig: Dass es einfach nicht funktionierte, die SpenderInnen um Kopierpapier zu bitten. Wir erhielten Klopapier, um das wir nie gefragt hatten, in rauen Mengen. Bis wir rausgefunden hatten, dass die Leute Klopapier statt Kopierpapier lesen, vergingen Tage. Ebenso vergingen zahlreiche weitere Tage bis wir merkten, es funktioniert auch nicht, wenn wir die Leute darauf hinweisen. Wir haben dann Kopierpapier gekauft, den Aufruf abgestellt und trotzdem noch tagelang Klopapier bekommen.

Aber auch, wie wir um 18 Uhr abends die MünchenrInnen baten, 1.000 Schlafsäcke bis Mitternacht zu sammeln und wir bereits um 21 Uhr mehr als genug hatten, bleibt mir in Erinnerung. Oder Diskussionen mit 8-jährigen, allein geflohenen Kindern, nachts um 3 Uhr bei den Müllcontainern, wo sie etwas zu essen suchten, warum ihre Flucht jetzt vorbei sein darf und es besser ist, wenn sie jetzt mitkommen in eine Unterbringung.

Aber auch nach 2015 noch so manche Momente, z.B. wenn nach 90 Minuten Vortrag von mir – in dem es unter anderem um WLAN über Regenrinnen ging – ein älterer Herr Offizier die Rückfrage stellt: „Habe ich Sie richtig verstanden, junges Fräulein? Sie haben ein neues Internet aufgemacht für ein paar Tage?“ Oder wenn eine ranghohe Person, mit der ich im September 2015 eng zusammenarbeiten musste, mich bei einer Evaluationsveranstaltung von oben bis unten mustert und dann überrascht kommentiert: „Frau Lessig, Sie sind ja ein Mädchen!“

herCAREER: Was empfehlen Sie Frauen, die sich in vergleichbaren Szenarien aktiv werden wollen, sich aber ihrer Fähigkeiten nicht sicher sind?

Lessig: Hätte ich geahnt worauf ich mich einlasse – ich hätte es nicht gemacht. Zu groß die Verantwortung, zu unbekannt das Szenario, zu wenig Expertise. Ich glaube, wir Frauen zweifeln manchmal zu sehr an uns und lassen uns von Eventualitäten abschrecken. Wenn eine Chance kommt, einfach machen und loslegen. Ich habe ständig Männer gehabt, die mithelfen wollten – ehrenamtlich und unbezahlt – die mir ungefragt ihren Lebenslauf vorbeigebracht haben und aus der letzten Ecke ihrer Vita die fachliche Eignung für den Ministerpräsidenten oder zumindest einen Gruppenführer ableiten konnten. Ich habe keine einzige Frau getroffen, die das gemacht hat.

Und immer laut kommunizieren, was man aktuell als Rahmenbedingung braucht, um weiterarbeiten zu können. Ich habe beispielsweise damals einen Raum bekommen, in dem ich mich mittags eine Stunde schlafen und mich auch mal allein zurückziehen konnte. Das ging aber nur, weil ich das eingefordert habe und als Bedingung aufgestellt habe.

herCAREER: Auf der herCAREER geht es vor allem um den fachlichen Austausch, der auf den persönlichen Erfahrungen und dem Wissen der Sparringspartnerinnen aufsetzt. Zu welchen Themen können Sie im Vorfeld / auf der Messe / im Nachgang als Austauschpartnerin fungieren – in Schlagworten?

  • Führung
  • Non-Profit/NGOs
  • öffentlicher Sektor
  • Vereinsgründung

herCAREER: Gibt es Themen, zu denen Sie persönlich eine/n Sparringspartner/in suchen und einen fachlichen wie persönlichen Austausch weiterführen möchten? Dann benennen Sie uns Schlagworte für ihre Themen.

  • Karriereplanung
  • Kind und Karriere
  • Wachsen im Unternehmen

herCAREER: Wie können oder möchten Sie kontaktiert werden?

Über die Person

Marina Lessig, 30, ist Philosophin aus München und heute eine der wenigen Aktivist*innen und Expert*innen für Spontanhilfe. Sie hat über 10 Jahre Berufserfahrung in Moderation und Workshops für Stiftungen, Verbände und Ministerien zu den Themen Bildung, Diversität, Europa, Migration und Soziales. Mit gerade 24 Jahren wurde sie Mitglied im Vorstand des Kreisjugendrings München-Stadt, einer Körperschaft mit 800 Mitarbeitern und über 30 Millionen Euro jährlichen Umsatz. Seit 2018 ist Marina Lessig im Bereich Public Management & Healthcare für eine bekannte deutsche Unternehmensberatung tätig.

Dieses MeetUp war Teil der Expert-MeetUps bei der herCAREER 2018.